Christoph R. Hörstel über deutsche Politik, Iran und Afghanistan
16. Juli 2008 | 14:29 | Autor: Patrick
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MM: Versuchen wir dennoch zur Abrundung einen optimistischen Ausblick. Könnte Deutschland nicht angesichts seiner Geschichte und seinen traditionell guten Beziehungen zu Muslimen, sowie einem nicht mehr zu übersehenden eigenen muslimischen Bevölkerungsanteil eine Art Leuchtturmfunktion in Europa übernehmen, um sich für einen gerechten Frieden in allen von Ihnen angesprochenen Regionen einzusetzen und könnte solch ein Schwenk in der Politik nicht auch positive Auswirkungen auf die eigene Wirtschaft mit enormen Wachstumspotentialen in der muslimischen Welt haben und zum inneren Frieden mit den eigenen Muslimen beitragen?
Hörstel: Eine wunderbare Frage, sehr gut formuliert. Ich kann natürlich zu allem nur „Ja“ sagen, genau so könnte es gehen, da bedarf es überhaupt keiner Diskussion. Ich will kurz auf das Thema Iran zurückkommen. Ein sehr wichtiger Schritt wäre ja gewesen - leider ist es im Moment zu spät dazu - dass wir unseren amerikanischen Freunden und Verbündeten schlicht verbieten, von unserem Boden aus einen Krieg gegen den Iran zu starten. Ein leichter Schritt, die Türken haben uns das im Irakkrieg vorgemacht. Und wir schaffen das nicht, das ist mir mehr als peinlich, ich schäme mich. Sehenden Auges bringt die Bundesregierung in diesen Tagen, während das Kriegsrisiko besonders groß ist, dass Israel einen Pilotangriff führt und die NATO, geführt von den USA, rückt dann nach, dass dieses Risiko bewusst eingegangen wird. Und das halte ich für mich persönlich nur sehr schwer verzeihlich gegenüber der Bundesregierung, weil ich nicht möchte, dass Deutschland sich wieder an einem aggressiven Krieg beteiligt gegen ein Land, das völlig unschuldig ist und gegen das wir mit allen Mitteln einen unangenehm verlogenen Propaganda- und Geheimdienstkrieg führen. Und hier wäre auch gleichzeitig der Ausweg aus der jetzigen Lage, in die wir uns hineinbegeben haben, wo man sagen könnte, eine solche Geste, von deutschem Boden aus keine ungerechten Kriege gegen fremde Völker mehr zu führen oder zu gestatten, das wäre doch ein mal ein gutes Wort um in eine bessere Zukunft zu starten.
Das Positive, das sie angesprochen haben, das sehe ich genauso, steckt vor allem aber darin, dass die Mehrheit des deutschen Volkes solche verbrecherische Kriege ablehnt. Und jetzt geht es eigentlich darum, dass wir in Zukunft unsere Volksvertreter, die so genannten, die ich manchmal eher als “Volkstreter” bezeichnen möchte, dass wir die dazu bringen, was das deutsche Volk sich wünscht, insbesondere in solchen wichtigen Fragen von Krieg und Frieden; nämlich vor allem Frieden und friedlichen Ausgleich der Interessen. Das geht auf jeden Fall, das geht immer und überall, wenn man sich ehrlich zusammensetzt, kommt man allermeistens auch zu guten Ergebnissen, und damit auch in bessere internationale Verhältnisse.
Und ich stelle ja auch eines psychologisch fest, wenn ich mich mit Muslimen in Deutschland unterhalte, spüre ich die Enttäuschung. Dann spüre ich auch die Wut über Dinge, die hier passieren und die natürlich nicht gutgeheißen werden können, Entscheidungen, die die Bundesregierungen treffen, ob nun gegen Afghanistan für einen Flotteneinsatz vor der Küste des Libanon im israelischen Interesse usw. usf., Dinge, die nicht sein müssen, die wir einfach tun im blinden Gehorsam gegenüber Washington. Das kann nicht gut sein, das müssen wir überwinden. Und wenn wir es dann überwinden könnten, wären natürlich die Folgen ungeheuer, insbesondere auch für das Zusammenleben der geborenen Deutschen mit den hier lebenden mehreren Millionen Muslimen, die im Schnitt große Bereitschaft zeigen, sich hier mit der umliegenden deutschen Bevölkerung gut zu verstehen. Ich jedenfalls kenne persönlich viele solche Beispiele. Und das könnte sich verbessern, wenn wir in unsere Außenpolitik einfach nur etwas mehr nach Recht und Gesetz gehen würden.
MM: Gut, dann kommen wir zur vorletzten Frage, die mit Ihrer Personen zusammenhängen. Wofür steht der Friedenskreis Deutschland e.V., dessen Vorsitzender Sie sind?
Hörstel: Wir vertreten hauptsächlich zwei grundsätzliche Standpunkte. Der eine ist, dass wir in der internationalen Politik das Recht und die Fairness sprechen lassen und uns friedlich verhalten wollen; genau das, was die NATO eben in den letzten Jahren nicht getan hat, und dass wir innenpolitisch den Fortschritt sozial und nachhaltig gestalten wollen, also nicht nur technologischen Fortschritt oder wirtschaftlichen Fortschritt, sondern, dass dieser Fortschritt sich für alle Teile der Bevölkerung positiv auswirkt.
Wir haben heute in ganz Europa, aber auch in Deutschland eine sich öffnende Schere zwischen arm und reich. Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer und das ganze Volk rückt immer weiter auseinander. Wir wissen aus den neusten Berichterstattungen, dass 13 % der Deutschen arm sind. Und diese Armut ist beißend, sie ist hart, sie hat ein außerordentlich unschönes, unangenehmes Leben zur Folge und viele dieser Armen bitten ihre Freunde mit Erfolg um Geld und dann leben sie davon auch, letztlich greift der Staat also den Freunden dieser Betroffenen auf diese Art und Weise sehr elegant in die Tasche. Und diese Verhältnisse können so nicht andauern, wenn wir auf der anderen Seite sehen, dass die Zahl der Millionäre wächst – und zwar in großem Maße. Wir erleben ja oft Steigerungen in Konzernspitzengehältern, die unglaublich sind. In einem Jahr 30 % wollte ein, Gott sei Dank, verabschiedeter, Konzernchef seinem Vorstand und sich selbst genehmigen, während seien Firma vom größten Korruptionsskandal der deutschen Geschichte gebeutelt wurde. 70 % waren es bei der Bahn, gerade zur Zeit der Tarifkämpfe! Und als das hochkam gab es jedes Mal eine Explosion der Wut und dann ist man jedes Mal schnell wieder davon abgerückt, aber das kann es doch nicht gewesen sein. Es muss doch so sein, dass man sich ein bisschen umschaut, wie es denn aussieht, man genehmigt sich nicht Gehaltssprünge, die einfach jenseits von Gut und Böse sind und den Rest der Bevölkerung nur verärgern können. Also das ist ein wichtiges Thema, dass wir eben nicht vergessen, dass wir nur als ganzes Volk erfolgreich sein können und zusammenleben können in Frieden und Ruhe und nicht, wie soll man sagen, in Segmente aufgeteilt, den einen heult der Magen und bei den anderen heult die Autohupe und die Jachthupe und der Privatflieger. So kann es nicht sein!
MM: Abschließende Frage: Mit welchem Buch ist nach Ihren beiden Büchern über Afghanistan und Pakistan in Zukunft zu rechnen?
Hörstel: Das ist noch nicht sicher. Ich denke über zwei Projekte nach. Das eine betrifft tatsächlich den Iran, wobei ich ständig das Gefühl habe, ich müsste eigentlich morgen abreisen, weil ich nicht weiß, wie lange alles noch heil ist. Und das andere Buch betrifft eindeutig Nahost und die verfahrene Situation in Palästina.
MM: Herr Hörstel, wir danken Ihnen für das Interview
Hörstel: Besten Dank für dieses Gespräch.
Auch Politik unzensiert bedankt sich für die freundliche Zustimmung von Herrn Hörstel und dem Interviewführer Muslim-Markt zur Veröffentlichung des Interviews auf dieser Seite.
Quelle: Muslim-Markt

