Christoph R. Hörstel über deutsche Politik, Iran und Afghanistan
16. Juli 2008 | 14:29 | Autor: Patrick
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MM: Gut, dann ein Szenenwechsel. Sie haben vor 2006 und 2007 ausführliche Interviews mit dem auch in Deutschland bekannten Afghanen Hekmatyar geführt, allerdings wurde nur eines davon in Auszügen veröffentlicht, und haben zahlreiche Insiderkenntnisse über das Land. Besteht nicht die Gefahr, dass bald auch deutsche Soldaten in Särgen zurückgeführt werden? Und soll Deutschland nicht am Hindukusch verteidigt werden?
Hörstel: Ja, vor allem besorgt mich maßlos, dass die großen deutschen Medien bis heute verschweigen, dass Hekmatyar der erste Afghane war, der einem über fünf Jahre abgestuft und planvoll laufenden Disengagement Plan zugestimmt hat, dem auch die mittlere Führungsebene der Kabuler Regierung begeistert zugestimmt hat, für den die Taliban ihre Zustimmung signalisiert haben – nur eben nicht die Nato. Die afghanische Situation ist unterdessen schwierig und sie wird für die NATO immer schwieriger, das ist ganz eindeutig.
Schon die Zahlen sind fürchterlich: 2.400 „Vorfälle“ – das sind Gefechte, Straßenbomben und Selbstmordattentate 2005. 6.400 dann im Jahr 2006. Und seit 2007 werden die Zahlen mit Buchungstricks geschönt, hat mir ein Bundeswehr-Insider erklärt: da liegen wir real bei mindestens 12.000! Übrigens, die zahl der Selbstmordattentate ist mit 1-2 pro Woche sehr gering. Aber die Medien bei uns berichten hauptsächlich darüber. Und gemeinsam mit dummen Politikern heißt es, solche Attentate seien feige. Das ist natürlich Blödsinn, das ist eine mutige Tat. Die Frage ist, ob man sie gutheißt. Die größten Zahlenanteile habe die Gefechte, das muss man sich vorstellen: dieser irrwitzige Unterschied, auf der einen Seite 30-50 Jahre alte Technik, auf der anderen vernetzte elektronische Kriegführung, Wärmesucher, Satelliteneinsatz, Luftunterstützung. Trotzdem: In 92% Afghanistans sind die Taliban erheblich oder ständig präsent. Das ist auch der Grund, warum jetzt noch einmal tausend Soldaten von der Bundesregierung angefordert werden zur Genehmigung durch das Parlament im September und Oktober. Dazu kann ich nur sagen, das ist ein besonders schlechter Einfall, der führt nicht nur nicht weiter, sondern er führt auch immer weiter ins Desaster. Und wir haben jetzt das große Problem, dass wir zweierlei Dinge nicht schaffen. Zum einen schaffen wir es nicht, über Afghanistan korrekt zu berichten. Hier sind fast alle Medien betroffen, besonders aber die großen und wichtigen Medien. Ich habe aus eigener Erfahrung feststellen dürfen, dass in lokalen und regionalen Medien sehr viel mehr Wahrheit über Afghanistan steht, als in diesen großen Medien. Der andere Punkt ist auf diesem Hintergrund auch, dass wir tatsächlich mit der realen Situation in Afghanistan nicht klarkommen.
Wir wissen, dass die ganzen Toten, die es auf westlicher Seite gegeben hat – ich will gar nicht von den zigtausend Toten in Afghanistan reden durch unsere Bombardements, über die Toten in Folterkellern überall in der Welt – dass diese ganzen Toten eigentlich in einer Art Scheinkrieg entstanden sind, den die USA offenbar führen und führen lassen, um in dieser Region ihre Machtposition zu stärken. Es geht um die Bildung eines Brückenkopfs. Es geht um die Einkreisung Chinas und Irans, um die Eindämmung Russlands, um Energierohstoffe und Kontrolle. Es ist noch nie um ein paar bärtige Herren oder dieses seltsame Attentat vom 11. September gegangen, dessen Umstände bis heute nicht restlos geklärt sind und über das die amerikanische Regierung ja mehr Lügen verbreitet als Wahrheiten. Denn die Nato-Invasion 2001 haben die USA geheimdienstlich ab April 2001 in Pakistan vorbereiten lassen, sagte mir einer der beteiligten pakistanischen Mitarbeiter.
MM: Während Ihre Vorstellungen hinsichtlich Außenpolitik sicherlich einem beachtlichen Teil der deutschen Bevölkerung aus dem Herzen spricht, scheinen Sie zumindest in der Politik aber auch unter Journalisten nicht mehrheitsfähig. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz insbesondere angesichts Ihrer letzten Informationen?
Hörstel: Das ist relativ einfach zu erklären. Wir haben in Deutschland eine Medienszene, die sozusagen arm ist. Da ist kein Geld mehr vorhanden für vernünftige Recherche, das ist schon einmal eine ganz wichtige Grundlage. Darin ist natürlich auch eine politische Absicht zu entdecken, das ist ganz klar. Man möchte keine kritischen Medien. Dann gibt es offenbar so etwas wie einen Mechanismus, vielleicht eine heimliche Absprache, mit dem Ergebnis, dass große Medien in Zeiten, in denen wir Truppen im Ausland stehen haben, in schwierigen Auseinandersetzungen und Aufträgen, keine vernünftige Kritik mehr üben oder viel zu wenig. Jedenfalls beschönigen wir sozusagen per Prinzip und im System. Da passt ein Hörstel natürlich schlecht hinein. Das heißt jedoch auf gut deutsch, dass die Menschen merken, etwas stimmt nicht, aber sie wissen nicht genau warum. Deshalb haben sie sich intuitiv eigentlich sozusagen gegen die Aussagen der großen Medien entschlossen, den Krieg in Afghanistan abzulehnen. Nun ist es aber so, dass natürlich die angestellten Journalisten der großen Medien versuchen müssen, ihre schwache Position zu verteidigen, und das tun sie zum Beispiel indem sie hanebüchen lächerliche Kommentare verfassen oder eben auch Hörstel angreifen, der den unehrenhaften Kodex verletzt, mit der Meute zu lügen. Die Bevölkerung steht da praktisch allein. Ich halte ja viele Vorträge, lebe auch zum Teil davon, da stelle ich fest, dass die Bürger begierig sind, Dinge zu erfahren, von denen sie den Eindruck haben, dass sie wahr sind. Und da ich die Dinge, die ich sage, alle belegen kann, ist es ganz gut, dass hier das Gefühl entsteht: „Aha, da ist also der Boden an der Sache“. Im Gegensatz dazu passen sich festangestellte Journalismus den politischen Wünschen der Regierung und der Fraktionsführungen genau so an wie auch die Mehrheit im Bundestag. Ich habe heute gerade mit einem wichtigen Mann aus der deutschen Friedenszene telefoniert und habe ihm bei der Gelegenheit gesagt, wir hätten in Fragen von Militäreinsätzen ein so genanntes Rubber-Stamp-Parlament. Das ist ein Parlament, das jede Vorlage der Regierung genehmigt. So zum Beispiel war bereits zu hören, eine große Mehrheit des Bundestages werde die angeforderten weiteren tausend Soldaten auf jeden Fall absegnen. So ist das, egal was das Volk will. Drei Viertel des Bundestages stimmen zu und dreiviertel des Volkes lehnen ab - und dieser Widerspruch ist, mehr als sechzig Jahre nach Hitler, wieder hochgefährlich für die Demokratie. Nur mit wenigen Mitgliedern dieses Bundestages kann ich vertrauensvoll sprechen, die meisten meiden mich. Immerhin lesen viele meine e-mails…

