Christoph R. Hörstel über deutsche Politik, Iran und Afghanistan
16. Juli 2008 | 14:29 | Autor: Patrick
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Christoph R. Hörstel (Jahrgang 1956) ist Enkel des Rechtsanwalts Walter Hörstel, der einstmals dazu gezwungen war, sich seinen “Arierpass” zu stehlen und zu fälschen, um in Deutschland überleben zu können. Christoph R. Hörstel hat nach dem Wehrdienst eine Ausbildung bei der Deutschen Bank und ein Studium in München absolviert: Sinologie und Romanistik (Französisch, Spanisch) sowie Marketingstrategie an der Universität Basel.

Christoph R. Hörstel
Ab 1985 war er beim ARD-Fernsehen als Sonderkorrespondent und Nachrichtenmoderator mit 2.500 live-Sendungen, sowie als leitender Redakteur. Ab 1999 wechselte er zu Siemens (mobile division) als Leiter der Bereichskommunikation und gründete 2001 die Regierungs- und Unternehmensberatung “Hörstel Networks” in München.
Hörstel gilt in Politik und Medien aufgrund seiner 23 Jahre Erfahrung aus erster Hand in Afghanistan and Pakistan als Experte für Afghanistan, Islamismus und Terror. In Afghanistan und Pakistan war er auch als Regierungsberater tätig. Weitere Einsätze führten Hörstel in den Irak (Herbst 2003) und Iran (Sommer 2005). Im Frühjahr 2006 begann Hörstel seine Tätigkeit als Coach für ausgewählte Führungskräfte der deutschen ISAF-Truppe im Fach “Landeskunde Afghanistan”.
Im Wintersemester 2006/7 lehrte Hörstel am “Institut für Friedensforschung und Sicherheit” der Universität Hamburg zum Thema: “Terror-Mediation am Beispiel Afghanistan”. Im Oktober 2007 veröffentlichte er sein Buch “Sprengsatz Afghanistan: Die Bundeswehr in tödlicher Mission”, dem im September 2008 das Buch “Brandherd Pakistan: Wie der Terrorkrieg nach Deutschland kommt” folgt.
Christoph R. Hörstel ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in München.
MM: Sehr geehrter Herr Hörstel, bis vor zwei Jahren saßen Sie im Beirat der Deutsch-Arabischen-Gesellschaft (DAG). Heute tun Sie das nicht mehr. Können Sie uns die Umstände etwas genauer erläutern?
Hörstel: Ich bin nicht mehr Mitglied der DAG, seit mich der Vorstand auf Betreiben der Bundesregierung beim Präsidenten Wiesheu (Lobbyist der Bahn AG) aus dem Beirat entfernt hat. Die Bundesregierung hat dies im Frühjahr 2006 unternommen, nachdem ich für ein Mitglied der Hamas-Regierung Bundestagskontakte in Deutschland organisiert hatte. Die Reise des parteifreien Flüchtlingsministers Atef Adwan in die Bundesrepublik ging damals durch die Presse. Während der Reise erklärte die Bundesregierung Herrn Adwan zur “persona non grata”. Ich habe dann erklärt, dass ich die Palästina-Politik der Bundesregierung mit politischen Mitteln zertrümmern helfen werde, bis sie in kleinen Stücken am Boden liegt - restlos. Dies tue ich, weil die Politik der Bundesregierung besonders im Kontakt mit manchen muslimischen Ländern oder Problemzonen permanent das Völkerrecht missachtet. Ich schulde es mir selbst als Christ und Deutscher, dieses ekelhafte Treiben nicht länger zu dulden.
MM: Nun, wenn sowohl die USA als auch Israel die Hamas als terroristische Vereinigung einstufen, konnten Sie sich dann ernsthaft vorstellen, dass eine Bundesregierung, noch dazu die aktuelle, eine als “Terroristen” eingestufte Person willkommen heißt?
Hörstel: EU-Außenpolitiker Javier Solana hatte erklärt, er könne die Hamas nicht als Terror-Organisation einstufen, weil sie zu wenig Terror-Akte begehe. Flüchtlingsminister Atef Adwan, den ich für einen charaktervollen feinen Mann halte, ist nicht einmal Mitglied der Hamas. Wegen der völker- und menschenrechtswidrigen Politik Israels gegenüber der demokratisch gewählten Palästinenser-Regierung kam Adwans Besuch bei uns in Deutschland damals einem humanitären Notruf gleich, da hätten wir Deutsche auf doppelter Grundlage zeigen können, dass wir aus der Nazizeit gelernt haben: Kein Krieg mehr von deutschem Boden aus, kein Rassismus, keine Unterdrückung, keine Benachteiligung bestimmter Religionen oder ihrer Gläubigen. Das erwarte ich von jeder Bundesregierung - andernfalls hat sie die Berechtigung zur Amtsausübung verloren: Nach dem deutschen Grundgesetz und völlig unabhängig vom Wahlergebnis.
MM: Ihre zunehmend öffentlich geäußerte Kritik an der Nahost-Politik Deutschlands bzw. der Politik gegenüber Muslimen bezieht sich ja nicht nur auf Palästina, was passt Ihnen grundsätzlich nicht?
Hörstel: Meinen politischen Freunden und mir und vielen Menschen in der ganzen Welt passt nicht, dass wir grundsätzlich - und seit Schröder zunehmend - nicht mehr nach der ethischen Grundlage unserer Außenpolitik fragen, sondern nach den Wünschen von US-Regierungen. Wir fragen auch nicht, ob wir unseren Freunden im Ausland, USA, Nato etc., statt durch Militäreinsätze wie in Afghanistan, Kongo oder anderswo nicht besser dienen könnten, indem wir ihnen zeigen und sagen, wie sehr ihre Politik ihren eigenen besten Interessen langfristig schaden muss. Das muss man gar nicht offen tun. Und man könnte den Worten auch gute Gesten der Freundschaft und Solidarität folgen lassen. Ein Beispiel: Überall in der Welt vergiften die USA mit Uranwaffen tausende und zehntausende Menschen: auf dem Balkan, im Irak, in Afghanistan. Im Libanon taten es offenbar die Israelis. Schreckliche Missbildungen bei Kindern sind die Folge, Genschädigungen über Generationen hin. Wir könnten uns daran machen, diese schlimmen Folgen lindern zu helfen - übrigens durchaus auch in den Familien der amerikanischen und israelischen Soldaten, die von ihren allem Anschein nach verbrecherischen Vorgesetzten offenbar dazu missbraucht wurden, diese Waffen einzusetzen - und dann selbst kontaminiert werden.

